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Yakin erklärt die Zielsetzung für die WM in Nordamerika
Murat Yakin blickt seiner zweiten WM als Nationaltrainer entgegen. Im Interview mit Keystone-SDA spricht der 51-Jährige über die Gruppengegner, seine Schlüsselspieler und hohe Ticketpreise.
Murat Yakin, die offizielle Zielsetzung lautet, "die beste WM einer Schweizer Nati" zu zeigen. Was genau heisst "die beste WM" für Sie?
"Durch die souveräne Qualifikation und die starke EM vor zwei Jahren ist die Erwartungshaltung gestiegen. Wir haben die Lehren aus der letzten WM gezogen und wissen, was wir falsch gemacht haben. Deshalb wollen wir die beste WM zeigen. Es braucht aus meiner Sicht kein konkretes K.o.-Runden-Ziel, aber klar ist: Bloss die Gruppenphase zu überstehen, wäre für uns zu wenig."
Sie starten am 13. Juni gegen den nominell schwächsten Gegner Katar.
"Das erste Spiel wollen wir unbedingt gewinnen. Aber Katar ist die grosse Unbekannte der Gruppe. Das Team hatte im Frühling keine Testspiele, wir konnten es nicht beobachten. Katar ist ein sehr ernstzunehmender Gegner. Es darf uns nicht das passieren, was Argentinien vor vier Jahren gegen Saudi-Arabien erlebte. Denn am Ende leben solche Turniere auch von ihren Überraschungen."
Wer ist der härtere Brocken im Kampf um den Gruppensieg: Bosnien oder Co-Gastgeber Kanada?
"Bosnien hat in der Qualifikation gegen Österreich und im Playoff gegen Italien gezeigt, was es kann. Trotzdem denke ich, dass es im letzten Gruppenspiel gegen Kanada um den Gruppensieg gehen wird."
Wegen des Heimvorteils der Kanadier?
"Nicht nur. Kanada hat schon bei der letzten WM einen hochintensiven Fussball gezeigt. Die Spieler sind lauffreudig und aufsässig. Unter Trainer Jesse Marsch, der durch die Red-Bull-Schule ging, kommt diese Spielweise noch besser zur Geltung."
Gegen Bosnien könnte es zum Duell mit Haris Tabakovic kommen, der trotz Verletzung auf einen WM-Einsatz hofft. Er spielte für die Schweizer U21, erhielt dann aber nie ein Aufgebot für das A-Nationalteam und stürmt nun für Bosnien. Bereuen Sie es, ihn nicht aufgeboten zu haben?
"Bereuen ist ein zu starkes Wort. Es ist bei jedem guten Spieler schade, wenn er sich für eine andere Nation entscheidet. Haris gehört zu den Spielern, denen spät in der Karriere nochmals ein Riesensprung gelungen ist. Es ist, wie es ist, und ich bin sehr zufrieden mit meinem Kader."
Im März haben Sie sowohl mit Vierer- als auch mit Dreierkette in der Abwehr gespielt. Was wird Ihr WM-System sein?
"Ich wollte im März in beiden Formationen spielen, um sie weiter zu festigen. Welches System wir letztlich nutzen, hängt von der Verfügbarkeit der Spieler und vom Gegner ab. Manchmal muss man auch während einer Partie umstellen. Flexibilität ist der Schlüssel zum Erfolg."
In der Qualifikation haben Sie kaum rotiert. Fehlt dem Schweizer Kader die Breite für ein langes Turnier?
"Natürlich haben wir nicht die Breite wie Frankreich, England oder Spanien, die problemlos je vier WM-Teams aufstellen könnten. Aber ich bin trotzdem sehr zufrieden mit unserer Breite. Wir haben in der Nations League begonnen, neue Kräfte einzubinden. Auf praktisch jeder Position habe ich nun mehrere starke Optionen. Am Ende ist an einem Turnier wie diesem auch entscheidend, wie die Spieler als Team funktionieren."
Ihre Spieler, vor allem die Leistungsträger, bilden ein vergleichsweise altes Team. Besorgt Sie das?
"Ich denke dabei sofort an Kroatien, das an den letzten Turnieren stets zu den ältesten Teams gehörte und schöne Erfolge feierte. Ich spreche nicht über Alter, sondern über Erfahrung. Und die bringt dir an einem solchen Turnier enorm viel. Ich denke, dass die Mischung und die Rollenverteilung bei uns stimmen."
Granit Xhaka wird im September 34 Jahre alt und knackt an dieser WM wohl die Marke von 150 Länderspielen. Wird der Captain niemals müde?
"Wenn man über Granit spricht, kann es nur Superlative geben. Dass er sich nach seiner Zeit in Leverkusen auch in Sunderland nochmals weiterentwickeln konnte, sagt alles über seinen Charakter und seinen Willen. Sein unglaublicher Ehrgeiz überträgt sich auf alle und macht jedes Team besser."
Im Training stecken Sie beide oft intensiv die Köpfe zusammen. Was wird da besprochen?
"Granit ist meine erste Bezugsperson und mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld. Meine Vorbereitung ist oft sehr technisch und theoretisch. Die Führungsspieler sehen dann auf dem Platz direkt, was funktioniert und was nicht. Granit interessiert sich besonders dafür, den Gegner zu studieren, und gibt Inputs, wie dieser zu knacken ist. Da sieht man bereits den künftigen Trainer in ihm."
Ganz anders tickt Ricardo Rodriguez, der mit aktuell 136 Länderspielen die Nummer 2 in der Liste der Rekordspieler ist. Über ihn wird viel weniger geredet.
"Ich höre oft, ich sei gechillt. Wer das denkt, soll mal mit Ricci sprechen. Aber im Ernst: Ricci ist eine sichere Bank. Er ist ein superintelligenter Fussballer, steht defensiv immer richtig, verliert kaum einen Ball und hat immer eine Idee. Seine Lockerheit und Ruhe tun unserem Spiel enorm gut."
Noah Okafor galt nach seiner öffentlichen Kritik an seiner Rolle als Problemspieler. Nun glänzte er in der Premier League und ist wieder dabei. Wie lief die Annäherung?
"An seinen fussballerischen Fähigkeiten gab es nie Zweifel. Aber wir haben ihm klar gesagt, dass es nicht nur um die Leistung auf dem Platz geht, sondern darum, als Team gemeinsame Werte vorzuleben. Da hat er einen Reifeprozess durchgemacht. Gleich in der ersten Trainingswoche im Frühling ist er vor das Team getreten und hat sich entschuldigt."
Auf welcher Position bringt er dem Nationalteam am meisten?
"Er ist ursprünglich ein Flügelspieler, und dort sehe ich ihn auch. Da kann er sein Tempo nutzen und das direkte Duell suchen. Im Zentrum den Ball abzuschirmen, kann er zwar auch, aber auf der Seite kommen seine Stärken besser zur Geltung."
Nur zwei Spieler aus der Super League haben es ins WM-Aufgebot geschafft, einer davon als dritter Goalie. Ist die Schweizer Liga nicht konkurrenzfähig?
"Es wäre nicht richtig, unsere Liga schlechtzureden. Aber die Intensität im Ausland ist sicher höher, das merken wir auch in unseren Trainings. Man sieht es auch in den internationalen Wettbewerben, dass die Schweizer Klubs Mühe haben, mitzuhalten. Aber ich bin froh, dass es immer wieder viele Schweizer schaffen, sich im Ausland auf hohem Niveau zu etablieren - oft schon in jungen Jahren."
Durch die Aufstockung auf 48 Teams gibt es an dieser WM eine K.o.-Runde mehr. Haben Sie die verschiedenen Pfade schon durchgerechnet?
"Wir haben mehrere Leute, die diese Szenarien genau analysieren. Die Analyse der Gruppengegner steht. Für alles, was danach kommt, binden wir auch unsere U-Trainer ein. Sie werden die potenziellen Gegner in der K.o.-Phase genau verfolgen. Wir haben ein grosses Ziel und sind top vorbereitet."
Ein Szenario sticht ins Auge: Holt die Schweiz den Gruppensieg, droht im Achtelfinal erneut Portugal. Sitzt der Schock des 1:6 an der WM in Katar noch tief?
"Nein, wir haben Portugal davor in der Nations League ja auch schon geschlagen. Aber ja, da hätten wir definitiv noch etwas gutzumachen. Wir wissen heute genau, woran es damals in Katar gelegen hat, dass wir nicht unser Bestes abrufen konnten."
Woran?
"Wir haben die Temperaturen und die extrem heruntergekühlten Innenräume unterschätzt. Als der erste Spieler krank wurde, konnten wir richtiggehend beobachten, wie die Grippe die Runde machte. Wir sind damals völlig geschwächt angetreten. Dieses Mal sind wir besser vorbereitet, so etwas darf uns nicht noch einmal passieren."
An dieser WM gibt es eine neue Regel: Das Sprechen hinter vorgehaltener Hand, die Hand-vor-dem-Mund-Regel, wird sanktioniert, um verdeckte rassistische oder beleidigende Aussagen zu verhindern. Was halten Sie davon?
"Ich habe mich noch nicht eingehend damit auseinandergesetzt. Aber es ist wichtig, dass man auch im Fussball alles unternimmt, um Rassismus zu bekämpfen."
Haben Sie als Spieler oder Trainer selbst solche Erfahrungen mit Rassismus auf dem Platz machen müssen?
"Als Spieler habe ich das sicher einige Male erlebt, als Trainer war ich nun schon sehr lange nicht mehr betroffen. Natürlich gibt es ab und zu anonyme Kommentare im Netz, das wird wohl immer Bestandteil unseres Jobs sein. Wenn sich jemand so artikulieren muss, trifft mich das heute nicht mehr."
Wie sind Sie damals als Spieler damit umgegangen?
"Früher war das normal, wir sind damit aufgewachsen. Deshalb habe ich es irgendwann nicht mehr an mich herangelassen. Ich habe es später sogar als Kompliment verstanden: Wenn mich jemand auf diese Art provozieren musste, hatte er offensichtlich keine anderen Argumente mehr, um mich aus dem Konzept zu bringen."
Heute wehren sich Spieler aktiver. Wie sensibilisieren Sie Ihr Team?
"Solche Vorfälle geschehen meist in der Hektik und den Emotionen, das lässt sich schwer trainieren. Wir versuchen die Spieler dahingehend zu sensibilisieren, dass sie sich während eines Spiels möglichst nicht provozieren lassen. Die Aufarbeitung danach ist eine andere Sache."
Sollte man solche Vorfälle nicht viel lauter anprangern, statt sie stumm zu übergehen?
"Das muss ein Spieler im Einzelfall für sich entscheiden. Und wir unterstützen ihn natürlich dabei. Das offizielle Protokoll für solche Fälle ist klar: Der Schiedsrichter kann die Partie unterbrechen und die Teams in die Kabine schicken."
Zum Schluss noch zu den Fans: Viele beklagen die hohen Ticketpreise für diese WM.
"Unser Verband konnte immerhin 500 vergünstigte Tickets für die treusten Fans organisieren. So wie ich das mitbekommen habe, sind Sportanlässe in den USA generell viel teurer, als wir das in Europa gewohnt sind. Auch im American Football oder Basketball. Die Nachfrage ist offenbar sehr hoch. Es wäre natürlich wünschenswert, dass auch WM-Spiele für alle zugänglich bleiben."
Der WM-Auftakt gegen Katar wird Ihr 60. Spiel als Schweizer Nationaltrainer sein. Macht Sie diese Zahl stolz?
"Es ist schön, eine solche Marke zu erreichen, mehr aber auch nicht. Als Trainer weiss ich genau, wie schnelllebig das Geschäft ist. Umso mehr geniesse ich jedes einzelne Spiel. Die Arbeit als Nationaltrainer macht mir einfach enorm Spass."

















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