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"Ziel ist, die beste WM einer Schweizer Nati zu spielen"
Seit viereinhalb Jahren ist Murat Yakin Trainer des Schweizer Nationalteams. Im Interview mit Keystone-SDA spricht der 51-Jährige über die WM-Vorbereitung, den Konkurrenzkampf und die Kommunikation.
Murat Yakin, ist Neujahr in New York so kitschig, wie es in Filmen oft dargestellt wird?
"Die Stadt ist dann in erster Linie überfüllt. Man kommt kaum in die Läden rein. Auch das Rockefeller Center war voll. Eine meiner Töchter wäre dort gerne auf die Eisbahn gegangen, aber keine Chance. Dafür waren wir unter anderem am Broadway und haben dort die Showtanzgruppe 'The Rockettes' gesehen. Das war schön."
Sie wirken mässig begeistert von der Stadt.
"Es hat super Restaurants, schöne Ecken und einige spannende Attraktionen, aber es ist nicht unbedingt meine Welt. Wir waren davor in Miami am Strand, das entspricht mir mehr. Der Besuch von New York war dann eher meinen Töchtern und meiner Frau zuliebe."
Waren Sie auch im MetLife Stadium, wo im Juli der WM-Final ausgetragen wird?
"Nein, aber in Florida habe ich die Partie zwischen den Miami Dolphins und den Tampa Bay Buccaneers besucht. Es war immer ein Traum von mir, einmal ein NFL-Spiel live zu sehen."
Was mögen Sie am American Football?
"Es ist eine sehr taktische Sportart. Für die Trainer geht es darum, die Spielzüge so zu wählen, dass der Gegner überrascht wird. Das sind gewisse Parallelen zu meinem Beruf."
Überraschungen gab es bei Ihnen zuletzt kaum noch, zumindest was die Startaufstellung angeht. In der WM-Qualifikation haben Sie meist auf die gleichen Spieler gesetzt. Sind Sie nicht mehr so experimentierfreudig?
"Das hat sich einfach so ergeben. Wir haben uns bei den Testspielen im Sommer auf das System mit der Viererkette festgelegt. Und als wir gesehen haben, dass es gut funktioniert, wollten wir daran festhalten. Schliesslich war es quasi eine Sprint-Qualifikation (6 Spiele innert 74 Tagen, die Red.), da mussten wir vom ersten Moment an bereit sein."
Liegt es auch daran, dass dem Team neben einem grossen Angebot im Mittelfeld die Breite fehlt? Was machen Sie beispielsweise, wenn Abwehrchef Manuel Akanji einmal ausfällt?
"Manu ist hinten der Fels in der Brandung. Führungsspieler wie ihn, Granit oder Remo kann man nicht eins zu eins ersetzen. Aber ich muss mich auf solche Szenarien vorbereiten und habe verschiedene Varianten im Kopf. In solch einem Fall muss nicht nur der Spieler, sondern die Mannschaft als Ganzes auf die neue Situation eingestellt werden."
Sie erwähnen neben Akanji auch Xhaka und Freuler. Was macht sie so wichtig?
"Sie sind absolute Leader auf dem Platz und übernehmen stets Verantwortung. Allein ihre Präsenz macht das Team besser."
Diesbezüglich ist oft auch ein starker Goalie gefragt. Wie sehen Sie die Entwicklung von Gregor Kobel?
"Sehr gut. Der Start mit der Nations League, in der wir viele Tore kassierten haben, war schwierig. Er konnte sich nicht sofort auszeichnen, ist aber drangeblieben und wurde dann bei den Testspielen in den USA belohnt, als er erstmals zu null spielte."
Wen sehen Sie aktuell als Nummer zwei?
"Das ist offen und wird vor der WM definitiv entschieden. Ich denke, dass wir eines der Testspiele nutzen werden, um einmal einen anderen Goalie von Beginn an spielen zu lassen."
Kürzlich haben Sie in einem Interview gesagt: 'Das ist mit etwas vom Schwierigsten im Fussball.' Dabei ging es um Gespräche mit den Spielern, die Sie nicht eingesetzt haben. Was sagen Sie ihnen?
"Fussball ist eine Sportart, in der Ersatzspieler an einem Spieltag auch einmal ohne Einsatz bleiben. Nicht wie im Eishockey mit vier Linien, im Handball mit den unbegrenzten Wechselmöglichkeiten oder im American Football, wo viele Spieler die Chance erhalten, sich zu zeigen - und sei es nur für ein paar Minuten. Bei uns bleiben zwingend Spieler auf der Ersatzbank. Das muss ich ihnen transparent begründen. Vielleicht hat es das Resultat nicht ergeben, vielleicht war die Trainingsleistung ungenügend oder vielleicht waren schlicht die Konkurrenten auf ihrer Position zu stark."
Wie sind die Reaktionen?
"Unterschiedlich. Der eine nimmt es sportlich, der andere nimmt es persönlich und ist enttäuscht. Aber das ist auch klar: Die Spieler wollen gebraucht werden und ihren Beitrag leisten."
Sprechen Sie mit Routiniers anders als mit Spielern der jüngeren Generation?
"Es kommt sicher auf die Rolle im Team an. Einen verdienten Spieler versuche ich schon vor dem Match abzufangen, um ihm meine Gedanken zu erklären. Bei einem Jüngeren warte ich eher ab und beobachte, wie er reagiert. Es geht aber auch andersherum: Spieler können zu mir kommen und um eine Rückmeldung bitten. Meine Tür ist immer offen."
Kommunikation war im letzten Jahr ein grosses Thema. Noah Okafor hat in einem Podcast gesagt, er fühle sich nicht genug geschätzt. Auch Renato Steffen meinte in einem TV-Interview, dass er sich eine Nachricht von Ihnen gewünscht hätte.
"Ich finde es schade, wenn Unzufriedenheit über die Öffentlichkeit abgehandelt wird. Wenn das Team performt und gewinnt, kann sich ein Ergänzungsspieler ausrechnen, dass er nun etwas Geduld braucht. Und mich können die Spieler immer anrufen, wenn sie ein Gespräch wollen."
Verletzen Sie solche Aussagen persönlich?
"Nein, ich kann das gut einschätzen. Bei Renato waren beim Interview unmittelbar nach dem Spiel sicher noch Emotionen drin. Mit Noah hatte ich im EM-Jahr immer wieder Gespräche. Ich habe ihm gesagt, dass ich seine Qualitäten schätze, er aber eben auch Konkurrenz auf der Position hat."
Derzeit kommt Noah Okafor wieder regelmässig zum Einsatz. Denken Sie, dass Sie beide sich nochmals finden werden, oder ist zu viel kaputtgegangen?
"Es gibt immer einen Weg. Wie gesagt: Ich nehme solche Dinge nicht persönlich und bin auch nicht nachtragend. Wir haben miteinander telefoniert und ich werde ihn demnächst in Leeds besuchen."
Es ist ein WM-Jahr, Ihr drittes grosses Turnier als Nationaltrainer wartet. Spüren Sie schon ein Kribbeln?
"Es fängt an und ist definitiv schon präsenter als beim letzten Mal in Katar, als das Turnier Ende Jahr stattgefunden hat. Eigentlich begann das Kribbeln bereits bei der Auslosung im Dezember. Mit der ganzen Show dort haben wir eine Kostprobe erhalten, was uns erwartet."
Erstmals wird das Turnier mit 48 statt wie bisher mit 32 Teams ausgetragen. Sind das nicht zu viele?
"Aus meiner Sicht verändert sich nicht viel. Am Schluss ist es eine K.-o.-Runde mehr. Warum auch nicht? Die FIFA entwickelt den Sport immer weiter, und ich denke, das ist auch notwendig."
Sie werden Ihre Gruppenspiele um 12 Uhr Ortszeit austragen. Müssen die Spieler speziell darauf eingestellt werden?
"In den europäischen Ligen wird am Wochenende teilweise auch schon zur Mittagszeit gespielt. Aber natürlich werden wir uns mit dem Performance-Team absprechen, um die Form gezielt zu steuern. Dann gibt es halt um halb neun bereits Spaghetti - ich freue mich darauf."
Sie haben auch schon mehrmals festgehalten, dass Ihr Team an einem guten Tag jeden Gegner schlagen kann. Was kann man also an der WM erwarten?
"Wir haben an der EM unser Potenzial bewiesen und den Halbfinaleinzug nur knapp verpasst. Das Selbstvertrauen ist gross, und unser Ziel ist, die beste WM einer Schweizer Nati zu spielen."
Das würde mindestens den Einzug in den Viertelfinal bedeuten.
"Allerdings erlaubt es das Format kaum, weit nach vorne zu blicken. Deshalb gilt für uns: die Gruppe überstehen und dann Gegner für Gegner nehmen. Unser Vorteil ist, dass ein grosser Teil unserer Spieler die nötige Erfahrung mitbringt. Sie wissen um die Turnierdynamik. Am Ende müssen wir hoffen, dass die Spieler verletzungsfrei bleiben und wir in den Spielen auch das nötige Glück haben."
Zuvor noch die Testspiele im März: Es warten mit Deutschland und Norwegen zwei starke Gegner.
"In der Vergangenheit hatten wir im März-Meeting eher 'Wadenbeisser' als Gegner, die in erster Linie hinten gestanden sind und uns das Spiel haben machen lassen. Nun ist ein Team ein WM-Favorit, und das andere ein 'Neuling', der in der Qualifikation eindrücklich durchmarschiert ist. Das wird interessant."
Wollen Sie nochmals einiges ausprobieren, oder soll es bereits eine Hauptprobe für die WM werden?
"Es soll schon um den Vergleich mit zwei Topteams gehen. Dann haben wir Hinweise, wo wir stehen."
Sie haben Ihr WM-Team also schon im Kopf?
"Das Grundgerüst steht. Wir haben im letzten Jahr nochmals junge Spieler ins Team integriert. Ich denke in erster Linie an Johan Manzambi, der im Juni sein Debüt gegeben hat und nun schon bei acht Länderspielen steht. Er hat sofort eingeschlagen. Einen guten Eindruck gemacht hat auch Alvyn Sanches, der sich dann leider verletzt hat, jetzt aber wieder zurück ist. Sie beleben den Konkurrenzkampf."
Zu den hoffnungsvollen Spielern, die aus der U21 kommen, zählen auch Sascha Britschgi, Zachary Athekame oder Alessandro Vogt.
"Sie waren schon während der Qualifikation ein Thema und sind weiter auf unserem Radar. Kontakt ist mit allen dreien vorhanden, sie wissen, dass sie eine Option für uns werden können, wenn auf ihren Positionen plötzlich Bedarf entsteht oder sie sich mit einem neuerlichen Leistungssprung aufdrängen. Wir dürfen aber die Spieler nicht vergessen, mit denen wir souverän durch die Qualifikation gekommen sind."
Sie sind tatsächlich nie ins Zittern gekommen. Das war angesichts der vorherigen Leistungen in der Nations League so nicht abzusehen.
"Wir haben vor ziemlich genau einem Jahr die Analyse zur Nations League gemacht, die Spieldaten besprochen und dann die richtigen Schlüsse gezogen."
Was ist bei der Analyse herausgekommen?
"Wir mussten uns damals nach dem Umbruch im Team neu finden. Wir haben nicht per se schlecht gespielt, aber auf diesem Niveau entscheiden Details. Besonders ein Thema ist dann ins Zentrum gerückt: die Effizienz. Wir haben damals aus vielen Chancen wenig herausgeholt, während es bei unseren Gegnern oft umgekehrt war."
Wie lernt man Effizienz?
"Bei unseren Zusammenkünften haben wir immer nur begrenzt Zeit, aber man kann sich dennoch bewusst mit einem Thema auseinandersetzen. Ich hatte einfach genug davon, in den Pressekonferenzen immer wieder von der mangelnden Effizienz zu sprechen. Also haben wir den Fokus voll darauf gelegt und uns zum Beispiel auch im Videostudium intensiv mit entsprechenden Szenen auseinandergesetzt."
Und dann?
"Im letzten Sommer folgte die USA-Reise, bei der die Spieler aufgrund der Distanz und Zeitdifferenz kaum Ablenkung hatten und sich perfekt aufeinander einstellen konnten. Das Wichtige war: Die Stimmung im Team war stets gut, wir mussten nicht Grundlegendes infrage stellen, sondern konnten gezielt an Details arbeiten."
Sie suchen beim Einlaufen immer noch den Kontakt zu den Fans. Weshalb?
"Es hat damit angefangen, dass ich mich vor allem bei den Auswärtsspielen für die Unterstützung bedanken wollte. Und dann hat es sich auch bei den Heimspielen eingependelt. Für mich ist es auch ein ehrliches Feedback. Wenn ich dann wie zuletzt sehe, dass auch auf den hintersten Rängen applaudiert wird, gibt das eine Bestätigung, ein gutes Gefühl. In diesen Momenten geniesse ich es besonders, Nationaltrainer zu sein. Denn wir haben auch schon schwierigere Phasen erlebt."
Wann hatten Sie zuletzt Hühnerhaut, als Sie ein Stadion betreten haben?
"Beim letzten Heimspiel in Genf, die Stimmung, die Fans, die vielen Fahnen. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass wir nach der grossen Unterstützung während des Spiels auch die vorzeitige Qualifikation hätten zusammen feiern können. Aber da hat uns die Schützenhilfe gefehlt."
Und abseits des Fussballfelds?
"Ich finde auch die Vorbereitung auf die Zusammenzüge toll. Natürlich bekomme ich nicht gerade Hühnerhaut, aber die Vorfreude auf den Staff und die Spieler ist immer gross. Und der Moment, wenn dann alle eingerückt sind und wieder zusammen am Tisch sitzen, ist ein sehr spezieller. Dann denke ich: Es ist wieder so weit, gehen wir es an."














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