Die digitale Ausgabe des Sarganserländers.
Der Aufbau einer Ausnahmekönnerin
Audrey Werro hat mit dem Sieg über 800 m an der EM in Birmingham für eine Sternstunde in der Schweizer Leichtathletik gesorgt. Die Stichworte zu ihrer noch jungen Karriere.
Audrey Werro hat sich im beschaulichen Belfaux zur Europameisterin über 800 m entwickelt. Mit enormer Vielseitigkeit und Resilienz greift die Freiburgerin nun sogar nach dem ältesten Weltrekord der Leichtathletik.
Audrey Werro ist im "Kokon" des club athlétique de Belfaux herangewachsen, in einem idyllischen Umfeld, das sich mit dem rasanten Aufstieg dieser Ausnahmeathletin stetig professionalisiert hat. Ein Blick auf die Meilensteine ihrer Karriere und die besonderen Eigenschaften der neuen 800-m-Europameisterin.
Die Treue
Warum ein Siegerteam ändern? Seit ihren Anfängen wird die 22-jährige Audrey Werro von Christiane Berset Nuoffer trainiert und begleitet. Die ehemalige Spitzen-Volleyballerin hat ihr Wissen in der Trainingslehre kontinuierlich perfektioniert und in Belfaux eine äusserst solide Mittelstrecken-Zelle aufgebaut. Werro trainiert in einer gemischten Gruppe, in der sie zugleich Zugpferd und Vorbild ist, während sie vom Konkurrenzkampf mit den Jungs profitiert. Der CA Belfaux beheimatet mehrere junge männliche Athleten mit nationalem Niveau über 800 m, die in etwa Werros Tempo laufen. Kürzlich erhielt die Gruppe zudem Verstärkung durch die Bielerin Joceline Wind, die in Birmingham über 1500 m am Start war.
Die Vielseitigkeit
Jarmila Kratochvilova, Inhaberin des 800-m-Weltrekords (1:53,28 Minuten), lief die 100 m in 11,09 Sekunden. Ohne ganz so schnell zu sein, stützt sich Audrey Werro auf eine enorme Grundschnelligkeit, gepaart mit Widerstandsfähigkeit und Ausdauer (sie läuft etwa 80 km pro Woche). Auch wenn sie kürzlich vergeblich versuchte, ihn zu brechen, hat sie den Schweizer Rekord über 400 m von Lea Sprunger (50,52) in den Beinen. Sie verkraftet Rhythmuswechsel mühelos und ist gleichzeitig fähig, selbst ein Höllentempo bei konstanter Geschwindigkeit vorzulegen. Ihre "Geheimwaffe"? Die Athletin aus Courtepin bestritt bis vor Kurzem den Fünfkampf (100 m Hürden, Hochsprung, Kugelstossen, Weitsprung, 800 m), in dem sie seit 2021 den Schweizer U18-Rekord hält. Diese vor ihrem 20. Lebensjahr entwickelte Vielseitigkeit verleiht ihr ein extrem starkes Fundament.
Die Lernfähigkeit
Audrey Werro lernt schnell - oft durch schmerzhafte Erfahrungen, aus denen sie jedoch Profit schlägt. Bei den Hallen-Europameisterschaften 2025 in Apeldoorn stürzte sie und war in Tränen aufgelöst, nachdem sie die Vorläufe und Halbfinals dominiert hatte. Zwei Wochen später verpasste sie bei den Hallen-Weltmeisterschaften in China das Podest um eine winzige Hundertstelsekunde. Ihre Körpergrösse und ihr langer Schritt waren in den engen Hallenkurven manchmal ein Nachteil. Doch sie hat daraus eine Stärke gemacht, ihr taktisches Repertoire erweitert und ihren Instinkt als "Löwin" geschärft, die physische Präsenz markiert. Ihre Enttäuschung bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris (Out im Hoffnungslauf) war zweifellos ebenfalls ein prägender Moment. Ihre Resilienz stellte sie bereits in den Folgemonaten unter Beweis.
Athletissima
Als Botschafterin des Lausanner Meetings hat die Freiburgerin vergangenen August bei der Athletissima mehr als nur einen symbolischen Meilenstein erreicht. Unter dem Jubel des Westschweizer Publikums holte sie dort ihren ersten Podestplatz in der Diamond League (Zweite hinter Keely Hodgkinson). Es war dies das Vorspiel für ihre sportliche "Explosion" in den Folgemonaten, gekrönt von ihrem Sieg beim Diamond-League-Finale in Zürich und aufeinanderfolgenden Fabelzeiten. 2025 zeigte sie in Lausanne vor den Medien ein neues Gesicht: eine Mischung aus Ruhe, Finesse und Selbstvertrauen. Sie wirkte natürlich und lieferte klare, präzise Antworten fernab von Floskeln. Diese Qualitäten hat sie in diesem Jahr weiter verfeinert, nicht zuletzt durch grosse Fortschritte in Deutsch und Englisch.
Die Frühreife
Als reines "Swiss made"-Produkt - mit engmaschiger Betreuung im Heimatverein und diskreter, aber effektiver Unterstützung durch den Verband - hat Audrey Werro ihr Fundament Stein für Stein aufgebaut und dabei den klassischen Weg der Leichtathletik verfolgt. Ihre Erfolgsbilanz im Nachwuchs spricht für sich: U20-Europameisterin 2021 mit erst 17 Jahren, Zweite an der U20-WM ein Jahr später, gefolgt von einem erneuten U20-EM-Titel 2023 und EM-Gold bei den U23-Espoirs 2025, stets über 800 m. Dazwischen stellte sie 2023 einen U20-Weltrekord über 1000 m (2:34,89) auf.
Die Robustheit
Die Freiburgerin scheint Rückschläge gut wegzustecken. Von Verletzungen blieb sie weitgehend verschont. Im März 2024 erlitt sie jedoch einen Muskelriss, der sie dazu zwang, ihre Teilnahme an der EM in Rom abzusagen. Seither hat sie ihr perfektes Gleichgewicht gefunden.
Die Perspektiven
Zwangsläufig rückt der Weltrekord von Jarmila Kratochvilova (1:53,28) ins Blickfeld. Die Tschechin vertraute Werro kürzlich beim Meeting in Ostrava an, dass sie froh wäre, wenn ihre Marke endlich gebrochen würde. Wie eine Erlösung? Audrey Werro ist nicht die Einzige, die diesen formidablen (und umstrittenen) Rekord anpeilt - den ältesten der Leichtathletik aus dem Jahr 1983. Aber sie ist die jüngste Anwärterin und hat gefühlt noch eine halbe Ewigkeit vor sich. Was wird sie dem Publikum bei der Athletissima am kommenden Freitag bieten?

















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