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Der beste Wawrinka, den es gibt
Mit 40 Jahren nimmt Stan Wawrinka seine letzte Profisaison in Angriff - zur Freude der Fans. Ein lockeres Ausklingen gibt es für den Romand aber nicht, er will nochmals den "besten Wawrinka" zeigen.
Das Tattoo auf Stan Wawrinkas linkem Unterarm ist mittlerweile weltbekannt. "Immer wieder versucht. Immer wieder gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser." So lautet das berühmte Zitat des irischen Poeten Samuel Beckett. Der Waadtländer liess es sich 2013 stechen, nachdem er einen epischen Achtelfinal am Australian Open gegen Novak Djokovic 10:12 im fünften Satz verloren hatte.
Für viele wäre eine solche Niederlage Höhepunkt und der Beginn eines Abstiegs zugleich gewesen. Nicht bei Wawrinka. Sein Tattoo erwies sich nämlich als falsch. Er versuchte es wieder, doch er scheiterte nicht mehr. Ein Jahr später kehrte er als Top-Ten-Spieler nach Melbourne zurück, rang diesmal Djokovic im Viertelfinal nieder (9:7 im 5. Satz) und holte auch zur eigenen Überraschung seinen ersten Grand-Slam-Titel - zwei weitere sollten 2015 in Paris und 2016 am US Open folgen.
Keine "Abschiedstour"
Als er nun als Bald-Tennisrentner zum 20. und letzten Mal ans Australian Open zurückkehrte, reflektierten Wawrinka und sein langjähriger Coach und Vertrauter Magnus Norman in einem Gespräch mit der Website der ATP Tour ihren Werdegang. Dabei wird klar: Sein Arbeits-Ethos wird der Davis-Cup-Sieger von 2014 und Olympiasieger im Doppel von 2008 auch im Alter von über 40 Jahren nicht verraten. Das Wort "Abschiedstour" hört er nicht gerne, es entspricht nicht seinem Selbstverständnis.
"Ich mache das nicht, um einfach Adieu zu sagen", betont Wawrinka. "Ich will nochmals meine Grenzen verschieben, ich will immer noch Matches gewinnen, ich will noch einmal in die Top 100 zurück." Das zeigte er zum Auftakt des Australian Open am Montag eindrücklich, als er gegen die Weltnummer 92 Laslo Djere den längeren Schnauf hatte und erstmals seit fünf Jahren wieder in die 2. Runde einzog.
Sehr zur Freude der Fans, die schon vor dem Tiebreak im vierten Satz aufstanden und applaudierten. "Diese Unterstützung gibt mir so viel positive Energie", sagte ein gerührter Wawrinka im Platzinterview. "Ich habe so viele Erinnerungen hier, eure Liebe ist der einzige Grund, warum ich noch komme." Er wird es noch mindestens ein weiteres Mal tun können, in der 2. Runde am Donnerstag gegen den Qualifikanten Arthur Géa.
Das Maximum herausholen
Auch wenn er in der Vorbereitung noch einmal sehr hart gearbeitet hat und in guter physischer Verfassung ist, die zwei Tage Pause werden dem 40-Jährigen gut tun. Wawrinka weiss, dass er nicht mehr um weitere Grand-Slam-Titel spielt, doch das ist für ihn nicht entscheidend. "Meine ganze Karriere war es mein Ziel, das Maximum herauszuholen", erklärt er. "Das ist mir gelungen." Das ist es auch, was die Fans diese Woche und für den Rest des Jahres von ihm erwarten dürfen. Es ist nicht mehr der beste Wawrinka aller Zeiten, aber der beste Wawrinka, den es aktuell geben kann.
Geboren für Grand-Slam-Finals
Der Waadtländer aus St-Barthélemy, einem 600-Seelen-Dorf nördlich von Lausanne, dem auch Fussballtrainer Lucien Favre entstammt, war auf dem Höhepunkt seiner Karriere einer für die grossen Momente. Das streicht auch Magnus Norman heraus. "Grand-Slam-Champions haben etwas, das andere Spieler nicht haben", sagt die ehemalige Weltnummer 2 aus Schweden. "Ich war in einem Grand-Slam-Final (French Open 2000, Niederlage gegen Gustavo Kuerten), und der Moment war zu gross für mich. Stan konnte damit umgehen. Ich glaube, dafür muss man geboren sein."
Wawrinka ist sich aber auch nicht zu schade, wie im letzten Jahr 29 Matches auf der zweitklassigen Challenger Tour zu spielen. Die Fans lieben ihn auch da, auch da kann er ihre Energie aufsaugen. Es ist die andere ausserordentliche Qualität Wawrinkas, die ihn auszeichnet und die Norman herausstreicht. "Er ist einfach ein guter Mensch mit starken Werten", betont er gegenüber der ATP-Website. "Er ist bescheiden und behandelt alle gleich, egal, ob er gewinnt oder verliert, egal, ob Ballbube, Nummer 1 oder die Putzfrau."
Das wird auch im letzten Jahr als Profi nicht mehr ändern. Und auch deshalb lieben ihn die Fans.
















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