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Keystone-SDA | Samstag, 05. September 2026

"Die Schwägalp war für die Ostschweizer ein Warnschuss"

Er krönte sich 2013 in Burgdorf zum Schwingerkönig, gewann ein Jahr später das Kilchberger Schwinget und ist heute SRF-Experte. Matthias Sempach spricht vor dem Saisonhöhepunkt über die Ausgangslage.

Kurvenreich ist die Fahrt vom Dorfkern Entlebuchs hinauf auf den Hof Vorderbrunnen. Auf 960 Metern über Meer betreibt Matthias Sempach Milchwirtschaft mit eigener Aufzucht. Wenige Tage vor dem Kilchberger Schwinget nimmt er sich für die Nachrichtenagentur Keystone-SDA Zeit, um im eigens hergerichteten Schwingerstübli zwischen Treicheln, Kränzen und Bildern in Erinnerungen zu schwelgen und vorauszublicken auf das Highlight der Saison.

Matthias Sempach, wer ist bei Ihnen zuhause für das Geschirr abräumen verantwortlich?

Matthias Sempach: "Ich koche sicher zweimal die Woche, aber beim Abräumen bin ich nicht der Spezialist. Mein eigenes Geschirr räume ich aber schon selber weg."

In der Woche vor Ihrem Sieg am Kilchberger 2014 waren Sie von dieser Pflicht ausgenommen.

"Ich war anfangs besagter Woche wirklich nicht 'zwäg' und wurde sehr gut unterstützt zuhause. Es ist wichtig, dass man auf ein gutes Umfeld zählen darf, gerade vor einem so wichtigen Fest."

Samuel Giger war in den letzten Monaten ebenfalls nicht "zwäg". Der Thurgauer Topschwinger hat seit dem Luzerner Kantonalen Ende Mai aufgrund von Schulterproblemen kein Fest mehr bestritten. Trauen Sie ihm dennoch den Sieg zu?

"Sein Leistungsausweis spricht für sich. Er hat beim Unspunnen und am Kilchberger schon triumphiert, war letztes Jahr am Eidgenössischen im Schlussgang. Sein Ziel wird es sein, das Fest zu gewinnen, sonst würde er gar nicht antreten. Dass er so lange raus war, macht ihn auch ein Stück weit unberechenbar. Darum darf man ihn zum erweiterten Favoritenkreis zählen."

Wer sind aus Ihrer Sicht die grössten Favoriten auf den Festsieg?

"Die Topfavoriten sind für mich Fabian Staudenmann, Michael Moser, Werner Schlegel und (überlegt lange) auch Nick Alpiger."

Die ersten drei stehen bei vielen ganz zuoberst auf dem Zettel. Was spricht für Alpiger?

"Er hat für mich von allen Topfavoriten den grössten Schritt nach vorne gemacht, ist technisch und physisch sehr gut, war extrem konstant in dieser Saison und ist - zum Glück - offensiver geworden. In der Vergangenheit war er in den entscheidenden Momenten oft zu passiv. Wenn er das ablegen und den Schalter auf Sieg umstellen kann, traue ich ihm sehr viel zu."

Alpiger hat gegenüber den Bernern und Nordostschweizern den Nachteil, dass er kein so starkes Team im Rücken hat.

"Wenn ein Schwinger in einen Lauf kommt, wie etwa Kilian Wenger in Frauenfeld, Jörg Abderhalden zu seinen besten Zeiten..."

...oder Sie in Burgdorf...

"...dann braucht es nicht zwingend ein starkes Team im Rücken. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Teamleistung einen grossen Einfluss auf den Sieg nehmen wird am Samstag. Wir haben letztes Jahr in Mollis gesehen, was eine geschlossene Mannschaft ausmachen kann."

In der Favoritenrolle sind die Berner und die Nordostschweizer. Wen sehen Sie vorne?

"Für mich sind beide auf Augenhöhe. Die Berner haben mit Moser und Staudenmann zwei absolute Topschwinger in ihren Reihen, die Ostschweizer mit Armon Orlik, Damian Ott, Schlegel und Giger gar vier. Daher ist der NOSV noch ein Stück stärker einzuschätzen. Für die Berner wiederum spricht das stärker besetzte Mittelfeld."

Die Berner haben den Nordostschweizern zuletzt auf der Schwägalp eine empfindliche Niederlage zugefügt. Hat das Auswirkungen auf den Samstag?

"Ich kann mir vorstellen, dass taktischer geschwungen wird, im Mittelfeld probiert wird, gewisse Schwinger auszubremsen. Aus Berner Sicht war es ein schöner Triumph auf der Schwägalp, der für das Fest am Samstag jedoch nicht wirklich einen positiven Effekt hat. Die Niederlage beim Heimfest war für die Ostschweizer ein Warnschuss zum richtigen Zeitpunkt."

Sie sind seit Jahren im Entlebuch zuhause, entsprechend schlagen in Ihrer Brust zwei Herzen. Was trauen Sie dem nach wie vor grössten Teilverband aus der Innerschweiz zu nach den Rücktritten der Topschwinger Joel Wicki und Pirmin Reichmuth?

"Für den ganz grossen Wurf ist es sehr wahrscheinlich noch zu früh. Mehrere Innerschweizer Schwinger haben in dieser Saison einen Schritt vorwärts gemacht. Diese Entwicklung muss weitergehen, dann sind sie in ein, zwei Jahren wieder so weit, um auch an grossen Festen um den Sieg mitzuschwingen. Lukas Bissig ist für mich jedoch ein Geheimfavorit."

Wie schätzen Sie die anderen Teilverbände ein?

"Die Nordwestschweizer haben sich sehr positiv entwickelt und sind mit Nick Alpiger und Sinisha Lüscher in der Spitze momentan gar etwas stärker als die Innerschweizer. Bei den Südwestschweizern stechen mit Lario Kramer und Romain Collaud zwei Athleten heraus, die sehr attraktiv schwingen. Sie alle werden dem Fest guttun."

Beim Jubiläumsschwingfest in Appenzell vor zwei Jahren gab es mit dem Co-Sieger Fabio Hiltbrunner eine faustdicke Überraschung. Ist eine solche auch am Samstag möglich?

"Grundsätzlich ist das immer möglich, im Sport gibt es immer wieder Überraschungen."

Wen haben Sie für eine Überraschung auf der Rechnung?

"Lars Zaugg und der bereits erwähnte Lukas Bissig sind für mich Athleten, die überraschen können. Auch Damian Ott traue ich sehr viel zu - er wäre jedoch keine allzu grosse Überraschung, schliesslich hat er schon vor fünf Jahren (mit dem Co-Sieg am Kilchberger; d. Red.) gezeigt, dass er am Tag X bereit sein kann."

Beim Kilchberger treten nur 60 Schwinger an, an keinem Fest ist die Dichte an Spitzenathleten annähernd so gross wie am Westufer des Zürichsees. Wie das Unspunnenfest kommt es nur alle sechs Jahre zur Austragung und gehört neben dem ESAF zu den Festen mit eidgenössischem Charakter. Welchen Stellenwert hat das Fest?

"Den höchsten Stellenwert hat der Königstitel, danach kommen auf gleicher Stufe Unspunnen und Kilchberger. Es ist schon eine spezielle Stimmung in der kleinen Arena mit nur zwei Schwingplätzen."

Am Eidgenössischen will jeder den Kranz holen und sich zum Eidgenossen machen. Am Kilchberger gibt es keine Kränze zu gewinnen, es zählt nur der Sieg. Sehen wir dadurch offensiveren Schwingsport?

"Das ist schwierig zu beurteilen. Ein Kranz kann motivieren, um offensiv zu schwingen - je nachdem aber auch, um taktisch zu agieren. Wer ein Offensivschwinger ist, schwingt auch am Kilchberger auf Angriff, wer ein Verteidigungskünstler ist, wird nicht plötzlich die Offensive suchen."

Sie selber haben zweimal am Kilchberger teilgenommen und standen beide Male im Schlussgang: 2008 mussten Sie nach einem Gestellten in der Endausmarchung ihrem Verbandskollegen Christian Stucki den Vortritt lassen, sechs Jahre später holten Sie Verpasstes gegen Philipp Laimbacher nach. Was sind Ihre Erinnerungen an den 7. September 2014?

"Am Morgen hatte ich etwas Mühe, ins Fest zu kommen und habe gegen Andreas Ulrich gestellt. Dann gewann ich gegen Benji von Ah und was ganz entscheidend war: Im 3. Gang konnte ich Philipp Laimbacher fünf Sekunden vor Ablauf der Gangdauer bezwingen. Dann kippte der Schalter vollends und ich war im Fest drin."

Im Schlussgang kam es wieder zum Duell mit Laimbacher, diesmal brauchten Sie keine fünf Sekunden, um den Innerschweizer auf den Rücken zu legen. War der Schlussgang am Kilchberger 2014 der kürzeste, den Sie je bestritten haben?

"Ja."

Sie haben aber nicht so sehr aufs Tempo gedrückt, weil zuhause noch der Tisch abgeräumt werden musste?

"Nein. Die Saison war ja danach zu Ende und ich hatte genügend Zeit, mich während des Winters zu revanchieren für die geleisteten Dienste im Haushalt."

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