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Keystone-SDA | Mittwoch, 01. Juli 2026

Granit Xhaka bewegt sich zwischen Kritik und Kultstatus

Seit 15 Jahren prägt er das Nationalteam wie kein anderer Spieler: Im WM-Sechzehntelfinal dürfte Granit Xhaka der erste Schweizer Fussballer mit 150 Länderspielen werden.

150 ist ein besonderer Meilenstein. Die Zahl 5 ist im Fall von Granit Xhaka aber fast noch eindrücklicher. In nur fünf seiner 149 Länderspiele stand er nicht in der Startaufstellung. Und in diesen fünf Partien bestritt er viermal die komplette zweite Halbzeit. Nur einmal musste er sich bis zur 65. Minute gedulden, ehe er eingewechselt wurde: im Juni 2017 in einem Testspiel gegen Belarus.

Diese Zahlen zeigen, welchen Einfluss Xhaka im Schweizer Nationalteam von Beginn an hatte. Statt sich wie die meisten Neulinge langsam in die Mannschaft zu integrieren und sich seinen Platz zu verdienen, gehörte der Basler von Anfang an zu den Leistungsträgern. Sein Debüt gab er im EM-Qualifikationsspiel gegen England - im Wembley. Xhaka war 18 Jahre, 8 Monate und 8 Tage alt und spielte beim 2:2 durch.

Schon fünf Jahre später trug er erstmals die Captainbinde. Mit dem Estadi Nacional in Andorra war die Bühne zwar etwas kleiner, umso grösser waren die Worte des damaligen Arsenal-Legionärs. Trotz des mühsam erkämpften 2:1-Erfolgs im WM-Qualifikationsspiel gegen den Zwergstaat prophezeite er: "In einem Jahr sind wir für Russland qualifiziert."

Foletti: "Seine Art ist verdammt notwendig"

So war Xhaka, so ist Xhaka. "Mit seinem unglaublichen Siegeswillen ist er ein absoluter Mehrwert für die Mannschaft", sagt Patrick Foletti. Als Goalietrainer ist er Xhaka vielleicht nicht so nah wie andere, dafür hat er, der fast gleich lange im Team ist wie Xhaka, den kompletten Werdegang des Mittelfeldspielers beobachten können. Über die Jahre habe er immer wieder spannende Gespräche mit Xhaka geführt, sagt Foletti. Und für ihn ist klar: "Seine Art ist manchmal unangenehm, manchmal nervig und für den einen oder anderen vielleicht nicht einfach, weil sie nicht 'schweizerisch' ist. Aber sie ist verdammt notwendig."

Seine Worte sind vor dem aktuellen Hintergrund zu betrachten. Dass Xhaka nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Katar wie bereits nach dem Testspiel davor das Team und vor allem die Einstellung einzelner Spieler kritisierte, sorgte für Aufsehen und offenbar auch für Unmut. So wurde in einem Artikel unter Berufung auf "mehrere Quellen" behauptet, einige Spieler im Nationalteam empfänden Xhaka als "zu negativ" oder gar "toxisch". Gleichzeitig wurde hervorgehoben, dass der Captain beim missglückten Turnierauftakt selbst überhaupt keinen guten Tag erwischt hatte.

Xhaka antwortete auf seine Weise. Er war im zweiten Gruppenspiel der beste Spieler, hatte die meisten Ballkontakte und war wie so oft der Chef und Lenker auf dem Platz. Und als er kurz vor Abpfiff einen Penalty verwandelte, zeigte er beim Jubel die Blabla-Geste. Als Zeichen an seine Kritiker: Redet ihr nur.

Nicht "schweizerisch" genug

Auch das gehört zu Xhaka. Über die Jahre gab es immer wieder Debatten über extravagante Coiffeurbesuche, provokante Doppeladler-Gesten oder selbstbewusste Aussagen, die schnell einmal mit Arroganz gleichgesetzt wurden. Manchmal erzeugt er bewusst Reibung und zieht daraus Kraft. "Vielleicht brauche ich das", räumte der bald 34-Jährige im TV-Interview nach dem Spiel gegen Bosnien-Herzegowina ein.

Später sagte er in der Reporterrunde: "Ich denke, es gibt da immer wieder ein Missverständnis zwischen mir und euch." Wenn er das Team kritisiere, hinterfrage er dabei auch seine eigene Leistung. Mehr noch: "Ich beginne bei der Kritik immer bei mir selbst." Dann wies er auf sein anstehendes Jubiläum im Nationalteam hin und sagte fast etwas enttäuscht: "Mittlerweile solltet ihr mich doch kennen."

Xhaka, der Unverstandene. Es ist eine Rolle, die er über die Jahre kultiviert hat. Wenn er sagt, dass die Schweiz auch einfach einmal stolz darauf sein könne, einen Spieler zu haben, der seit so vielen Jahren "mit purem Stolz" für die Nationalmannschaft auflaufe, dann sagt das einiges über seine Wahrnehmung aus. Die Wertschätzung, die er in den Klubs oft und regelmässig erhält, spürt er im Nationaldress seltener. Stattdessen muss er sich dort immer wieder rechtfertigen - auch aufgrund seiner Wurzeln in Kosovo.

Spielt er gut, wird ihm auf die Schulter geklopft. Kommt er nicht an die gewohnte Leistung heran - was bei ihm immer sofort auffällt, weil dann meist das ganze Team schlechter spielt -, wird aber oft gleich seine Motivation hinterfragt. Oder, mit den Worten Folettis: Er ist dann vielen nicht "schweizerisch" genug.

Itten: "Er macht uns besser"

Ja, mit seiner Art eckt er an. Und ja, wahrscheinlich gibt es im Nationalteam Spieler, die nicht immer mit ihm einverstanden sind. Allerdings erhalten diese Stimmen unverhältnismässig viel Gewicht, während andere fast ein wenig untergehen. Zumindest öffentlich wurden Xhakas Aussagen von allen Spielern verteidigt. Sie verweisen dabei auf die hohen Ansprüche, die das Team an sich selbst stellt.

Und als Cedric Itten nach all den Vorkommnissen auf den Captain angesprochen wird, holt er zum Kurzplädoyer aus. Man sehe bei jedem Verein, bei dem Xhaka bisher gespielt habe - aktuell bei Sunderland, zuvor in Leverkusen -, was für ein Captain er sei und was er aus einer Mannschaft herausholen könne, so der Stürmer. "Das ist auch sein Ziel in der Nationalmannschaft: Dass wir so gut wie möglich sind. Deshalb finde ich es gut, dass er hohe Ansprüche stellt und viel von uns fordert. Genau das macht uns besser."

Und dabei gehe er selbst voran, übernehme Verantwortung und sei immer da, wenn es darauf ankomme. Abschliessend hält Itten fest: "Er ist ein Top-Captain und wird uns an diesem Turnier noch viel helfen."

Beweisen kann Xhaka das am Freitagmorgen (5.00 Uhr Schweizer Zeit), wenn die Schweiz im Sechzehntelfinal gegen Algerien erstmals in der Neuzeit ein K.o.-Spiel an einer WM gewinnen will.

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