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"Meine Karriere hat erst mit 39 Jahren angefangen"
Die vierfache Curling-Weltmeisterin und Olympia-Zweite Silvana Tirinzoni beendet mit 46 Jahren ihre Karriere. Der erfolgreichste Schweizer Skip blickt auf Höhe- und Tiefpunkte ihrer Laufbahn zurück.
Silvana Tirinzoni, Sie haben am Mittwoch Ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt gegeben. Wann ist der Entscheid gefallen?
"Zu 90 Prozent war mir schon vor der Saison klar, dass dies meine letzte sein würde. Aber ich habe es bewusst noch etwas offen gehalten, um es auch für mich etwas einfacher zu machen. Ich hätte extrem Mühe gehabt, wenn ich wüsste, dass ich das letzte Mal in Bern, Basel oder im Training bin. Ich dachte vielleicht, irgendwann würde ich meine Meinung noch ändern. Doch dem war nicht so. Deshalb ist es jetzt offiziell."
Was ist der Grund für den Rücktritt?
"Es hat natürlich mit meinem Alter (46 Jahre - Red.) zu tun. Es ist wirklich ein extremer Aufwand mit der Reiserei und den finanziellen Risiken. Ich glaube, ich habe meine Grenzen ausgelotet und hatte das Gefühl, jetzt ist es so weit. Ich könnte nicht nochmals vier Jahre machen, und selbst zwei Jahre wären schwierig gewesen."
Eine letzte WM in Calgary als Abschluss haben Sie verpasst. Wie sehr hat das weh getan?
"Schon sehr. Da ich innerlich gewusst habe, dass ich wahrscheinlich aufhören werde, wäre es mega schön gewesen. Weil wir bei der WM immer so viel Erfolg hatten, und dann noch in Kanada. Es wäre für mich das Schönste gewesen, dort zurückzutreten. Aber wenn man Sportler ist, hat man immer wieder mit Enttäuschungen und Niederlagen zu kämpfen. Es war kein Gefühl, das völlig fremd war. Und wir hatten ja unseren Höhepunkt eine Woche vorher in Cortina."
Das Schweizer Team gewann ja dann auch WM-Gold. Kann man sich da dennoch freuen?
"Ich gebe zu, es ist ein gemischtes Gefühl. Weil man halt schon denkt, man möchte selber dort sein. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, dass ein so junges Schweizer Team so stark ist und mit den internationalen Teams so gut mithalten kann. Das hat mich auch gefreut."
Von den vielen Erfolgen, welche stechen für Sie heraus?
"Die Olympiamedaille kommt sicher gleich zuerst. Das war wirklich ein Kindheitstraum, so weit entfernt, dass ich nie gedacht hätte, dass ich das erreichen kann. Darauf bin ich extrem stolz. Dazu war meine Familie dort. Das ist für mich das Highlight, das ich nie vergessen werde. Der sportlich grösste Erfolg sind wahrscheinlich die 42 WM-Spiele hintereinander, die wir gewonnen haben. Ich glaube, das wird nie mehr ein Team schaffen."
Was sind Ihre schmerzlichsten Erinnerungen?
"Ich musste grosse Enttäuschungen erleben. Meine Karriere hat erst mit 39 Jahren angefangen. Vorher hatten wir andere Teams, die gefördert wurden. Und andere Teams haben Medaillen gewonnen. Ich habe immer als die mental Schwache bei den Journalisten gegolten. Erst mit 39 habe ich beweisen können, dass ich es doch kann und dass ich zu den Besten gehöre. Es war kein Spaziergang, es war ein richtiger Kampf. Immer wieder Spielerinnen suchen zu müssen, die passen, die die gleichen Ziele haben und so weiter. Es war ein Krampf. Ich bin extrem stolz, vor allem, weil es anders als in anderen Sportarten ist. Du machst alles selbst. Du hast keinen Manager und keinen richtigen Coach, der dir sagt, wie es funktioniert. Dass wir das fast von Null zu einer Olympia-Medaille selbst geschafft haben, das macht mich wirklich stolz."
Wissen Sie schon, was Sie in Zukunft machen?
"Ich weiss es noch nicht. Es macht mir etwas Angst, weil ich nicht weiss, wie es weitergeht. Auf eine Art würde ich auch gerne mit dem Curling verbunden bleiben. Aber es gibt natürlich wenige Jobs, bei denen man genug verdient. Vielleicht muss ich mich dann anderweitig orientieren. Ich habe schon das Gefühl, dass es noch andere Sachen im Leben gibt."















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