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Wie das Startup 42hacks die St. Galler Mobilität verändern will
Die Genossenschaft 42hacks hat im Kanton St. Gallen neue Lösungen entwickelt, um Verhaltensänderungen für den Klimaschutz zu erreichen. Das Startup setzt auf Datenanalysen, technische Innovationen und spielerische Ansätze.
Wenn Angestellte von Bühler oder SFS für ihren Arbeitsweg auf das Auto verzichten, wenn sich in Diepoldsau Hauseigentümer an der Aktion "100in100" beteiligen oder wenn 10'000 Leute quer durch die Schweiz bei "31Days" mitmachen, dann stecken hinter all diesen Entscheidungen Projekte einer Genossenschaft namens 42hacks mit Sitz in Trogen.
Auskunft zur Geschichte des Unternehmens gibt Hermann Arnold, einer der beiden Gründer, im vierten Stock eines von zahlreichen Startups als Zwischenlösung genutzten Büroblocks bei der Hardturmbrücke in Zürich.
Wieso 42hacks? Das sei natürlich "ein bisschen geeky". Hermann Arnold spielt auf einem Minitablet ein Video ab. In der kurzen Sequenz aus der Verfilmung des Buchs "Per Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams wird der Supercomputer "Deep Thought" gebeten, die endgültige Antwort auf alle Fragen zu liefern. Nach 7,5 Millionen Jahren präsentiert der Rechner die Antwort: 42.
Es sei gar nicht so wichtig, eine Antwort zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen, kommentiert Arnold. Das sei der tiefere Sinn dahinter.
Zusammen im Startup
Marc Stoffel und Hermann Arnold sind die beiden Gründer von 42hacks. Sie lernten sich beim Startup Umantis kennen, einer Entwicklerin von HR-Software. Damit wurde ihr Unternehmen zu einem der führenden Anbieter Europas. Später kam der Verkauf und noch etwas später die Entlassung durch den neuen Besitzer. 2020 mussten sich Stoffel und Arnold eine neue Beschäftigung suchen.
"Wir waren schon dabei, das nächste Startup in einem ähnlichen Bereich zu gründen", erzählt Arnold. Einige Monate habe man daran gearbeitet, dann aber festgestellt: "Wenn das Projekt wirklich gross werden soll, dann müssen wir wieder ein paar Jahre lang richtig viel Arbeit investieren."
Als Väter kleiner Kinder gab es andere Prioritäten. Finanziell unabhängig wie sie waren, hätten sie auch 100 Prozent der Zeit mit den Kindern verbringen können, "statt zu arbeiten wie ein Idiot, nur um zu beweisen, dass du noch erfolgreicher sein kannst", formuliert es Arnold. "Und nebenher brennt die Welt."
Deshalb: Wenn schon Arbeit, dann sollte es eine sein, bei der sie dazu beitragen können, Antworten auf die Herausforderungen der Klimakrise zu finden. Das Erfinden von neuen Batterien oder Solarzellen sei aber nicht ihre Sache. "Was wir hingegen gut können, ist Leute zusammenzubringen und Ideen ausprobieren."
Die beiden gründeten eine Genossenschaft, "auch weil wir es schön fanden, dass im Prinzip jeder am Schluss eine Stimme hat, egal wie viel Geld er mitgebracht hat".
Pop-up Zug in Bern
Den Start von 42hacks zahlten die beiden Gründer aus der eigenen Tasche. Verschiedenste Ideen wurden ausprobiert, nichts funktionierte. Die Mobilität sollte das erste grosse Thema werden.
Ein frühes Projekt waren Pop-up-Züge. In Bern sollte für die Strecke zwischen Ostermundigen und Wankdorf die Nachfrage ausgetestet werden. Dafür konnte der CEO der BLS gewonnen werden. Innerhalb von drei Monaten stand der Zug bereit. Die Passagiere blieben aber aus. "Ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht funktioniert hat."
Das erste Projekt mit Durchschlagskraft entstand in einem Pfadfinderlager. Im Bula (Bundeslager) mit 30'000 Pfadfindern veranstaltete 42hacks Hackathons - eine Art Brainstorming, das aber auf eine konkrete Aktion hinausläuft. "Wir haben die Frage gestellt, was kann man tun, damit eure Eltern das Auto weniger benutzen?"
Eine Wette gegen das Auto
Von den vielen Ideen führte eine zum Konzept von "31Days". Noch während des Lagers sei dafür eine Webseite gebaut worden. Es gab zehn Anmeldungen.
Bei der Aktion verpflichtet man sich, für 31 Tage auf das eigene Auto zu verzichten. Dafür kann in dieser Zeit der öffentliche Verkehr gratis genutzt werden. Es gibt ein Velo- und Scooter-Abo sowie Zugang zu Mobility.
Nach 31 Tagen wurden die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefragt, ob sie aufgrund der Erfahrungen ihr Auto verkaufen würden. Sechs der zehn Personen waren dazu bereit. Danach wurde das Projekt schrittweise grösser.
Wie viele der Ideen von 42hacks funktionierte auch "31Days" wie eine Wette. Sie geht so: Ist es zu schaffen, dass von 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fünf Prozent ihr Auto verkaufen und auf den öffentlichen Verkehr umsteigen? Es gelang. Die Quote bei einer späteren Umsetzung lag bei 15 bis 30 Prozent. Nun wird "31Days" schweizweit ausgerollt.
42hacks ist im Kanton St. Gallen gleich mit mehreren Projekten präsent. Etwa bei der Mobilitätsallianz, bei der es um die Reduktion der Autofahrten von Angestellten eines Unternehmens geht, oder bei der Aktion "100in100" mit dem Ziel, fossile Heizungen zu ersetzen. Damit solche Ideen umgesetzt werden können, braucht es die Unterstützung der Entscheidungsträger in Politik oder in Wirtschaft. So wie vom Uzwiler Gemeindepräsidenten Lucas Keel (Mitte), als Bewerber für "100in100" gesucht wurden. Oder wie vom St. Galler Regierungsrat Beat Tinner (FDP).
"Er war einer der ersten und sehr frühen Unterstützer, der uns Vertrauen geschenkt hat", sagt Arnold. Es habe mit ihm ein Treffen gegeben - um sieben Uhr morgens. "Damals hatten wir noch keine Referenzen, waren zwei Jungunternehmer, die ankündigten, die Welt im Mobilitätsbereich verändern zu wollen." Es kam trotzdem zur Zusammenarbeit.
Anonymisierte Echtzeitdaten als Grundlage
Gelernt haben die Mitarbeitenden von 42hacks, dass sie mit ökologischen Argumenten weniger überzeugen können, als wenn sie die Vorteile herausstreichen. Etwa weil es weniger Staus gibt, wenn mehr Zug statt Auto gefahren wird, oder weil einen die Wärmepumpe unabhängig von Öl oder Gas werden lässt.
Als "Informatik-Leute" verbinden sie die Konzepte mit technischen Lösungen. Als bei der Bühler AG die Parkplätze je nach Mobilitätsabo unterschiedlich teuer wurden, entwickelten sie für die Umsetzung ein einfaches Verfahren. Bei den Parkplätzen wurden Kameras installiert, die Nummern erkennen können. Die Parkplatzgebühr wird nun direkt über die Lohnbuchhaltung verrechnet.
Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Idee und Analyse gibt es im Fürstentum Liechtenstein. Der Ausgangspunkt sind Probleme mit Staus, die es zu Pendlerzeiten auf den drei Brücken über den Rhein gibt. Eine Verbreiterung der Verbindungen würde 160 Millionen Franken kosten, sagt Arnold.
Mit anonymisierten Echtzeitdaten analysierte 42hacks die Mobilität. Damit sah man, von wo die Leute kommen und wohin sie unterwegs sind. "Wir konnten aufzeigen, dass wir zu den Spitzenzeiten 400 Autos von der Strasse bekommen müssen, dann ist das Stauproblem gelöst." Die nächste Frage war: Wohin sind diese Automobilisten unterwegs? Die Antwort: Es sind die grossen Arbeitgeber in der Region. Mit ihnen werden ähnliche Lösungen gesucht, wie es sie bei Bühler oder SFS gibt.
Die Mobilität ist nicht mehr der einzige Schwerpunkt von 42hacks. Zu den weiteren Projekten gehört eine Foodwaste-Challenge in Schullagern. Nach einer ersten erfolgreichen Durchführung seien 160 Lager geplant. Das Thema Ernährung könnte ein neues Thema werden. Es gibt bereits einen Testacker in Zug.
Weiter Fragen stellen
Die Rechnungen von 42hacks bezahlen diejenigen, die von ihren Konzepten profitieren: Die Anbieter des öffentlichen Verkehrs, die mehr Tickets verkaufen, die Unternehmen, die Parkplätze reduzieren können oder die öffentliche Hand, die ihre Klimaziele erreichen muss.
Neben den beiden Gründern arbeitet inzwischen ein Kernteam von 20, 25 Personen in der Genossenschaft mit. Dazu kommt ein Netzwerk von bis zu 1000 Personen, die bei den regelmässig durchgeführten Hackathons mitmachen. Möglichst rasch soll es danach ein Feedback für die neuen Ideen geben. Da wird auch einmal zwei Wochen lang Werbung bei Facebook geschaltet für ein Produkt, das es noch gar nicht gibt.
Diese Beweglichkeit will die Genossenschaft nicht verlieren. Es ist ein Balanceakt. Die Umsetzung der laufenden Projekte bindet viele Kapazitäten. "Wir suchen gerade im Moment keine neuen Dinge", sagt Arnold. Dies soll aber nur ein vorübergehender Zustand sein. 42hacks will weiterhin die richtigen Fragen stellen - und als Antworten Ideen liefern.

















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